ein buddhistisches Märchen
2.Teil
«Früher, so erzählt man, gab es in Benares eine Hetäre namens Kâlî, die hatte einen Bruder namens Tundila. Kâlî nahm tausend Kahâpanas an einem Tage ein. Tundila aber war hinter den Weibern her, ein Trunkenbold und ein Spieler. Sie pflegte ihm Geld zu geben, er aber brachte alles durch, was er bekam. Sie versuchte ihn zurückzuhalten, es gelang ihr aber nicht.
Eines Tages hatte er im Spiel verloren und die Kleider, die er trug, dahingegeben. Mit einem Hüftentuchfetzen bekleidet kam er zu ihrem Hause. Sie aber hatte den Dienerinnen befohlen: "Wenn Tundila kommt, so gebt ihm nichts, packt ihn am Halse und werft ihn hinaus!" Die taten so. Weinend blieb er vor der Tür stehen.
Es war aber da der Sohn eines Großkaufmanns, der Kâlî ständig tausend Kahâpanas brachte. Der sah an diesem Tage den Tundila und fragte ihn, warum er weine. "Herr, ich habe im Spiel verloren und bin zu meiner Schwester gekommen, ihre Dienerinnen aber haben mich am Halse gepackt und hinausgeworfen." - "So warte denn hier, ich will mit deiner Schwester sprechen", sagte der andere und ging hin und sagte: "Da steht dein Bruder, mit einem Hüftentuchfetzen bekleidet. Warum gibst du ihm keine Kleider?" - "Von mir bekommt er nichts. Wenn du aber Lust hast, so gib du ihm etwas!"
In jenem Hetärenhause aber war folgender Brauch: Von den tausend Kahâpanas, die eingingen, gehörten fünfhundert der Hetäre, fünfhundert dienten zur Anschaffung von Kleidern, Wohlgerüchen und Kränzen. Bei ihrer Ankunft kleideten sich die Besucher in die Gewänder, die sie in jenem Hause empfingen, und verbrachten in ihnen die Nacht. Wenn sie am nächsten Tage wieder gingen, zogen sie sich um und gingen in den Gewändern, die sie mitgebracht hatten, fort. Daher ließ der Großkaufmannssohn, nachdem er das von der Hetäre gegebene Gewand angelegt hatte, dem Tundila seine eigenen Kleider reichen. Der zog sie an und ging lärmend fort und begab sich in eine Branntweinschenke. Kâlî aber befahl den Dienerinnen: "Nehmt, wenn dieser Mann morgen fort will ihm die Kleider weg!" Als er nun fortgehen wollte, stürzten sie von allen Seiten auf ihn zu und rissen ihm wie Räuber die Kleider ab. "Jetzt mach, daß du fortkommst, junger Herr!" riefen sie und warfen ihn nackend hinaus. Nackt ging er fort, und die Leute lachten ihn aus.
Er aber schämte sich und klagte: "Das habe ich selbst angerichtet. Ich konnte den Mund nicht halten."
Um dieses klarzumachen, sprach Takkârija den dritten Vers:
«Was Kâlî mit dem Bruder vorgenommen,
Was ging's mich an? Was fragt' ich Tundila?
Nun bin ich nackt, um Hemd und Rock gekommen.
Auch dieser Fall steht gleich dem deinen da. »
«Ein anderer Fall:
Einst waren in Benares durch die Nachlässigkeit der Ziegenhirten zwei Widder auf dem Weidegrund in Kampf geraten. Da dachte ein Sperling:"Die beiden werden sich jetzt die Köpfe zerschmettern und umkommen. Soll ich sie nicht zurückhalten?" "Onkel, kämpft nicht!" rief er und suchte sie zurückzuhalten, und als sie weiterkämpften, ohne auf seine Rede zu achten, setzte er sich ihnen auf den Rücken und auf den Kopf und flehte sie an. Er konnte sie aber nicht zurückhalten, und so flog er schließlich mit dein Rufe:"So kämpft denn, aber erst tötet mich!" zwischen die Köpfe der beiden. Die stießen gerade aufeinander los. Wie in einem Mörser zerstoßen kam er durch sein eigenes Tun dort ums Leben.
»Diese zweite Sache klarmachend, sprach Takkârija den vierten Vers:
«Der Sperling, dem der Widderkampf zuwider,
Flog mitten in die Kämpfenden hinein.
Er fiel zermalmt von ihren Stirnen nieder.
Auch dieser Fall scheint mir ganz gleich zu sein.»
«Ein anderer Fall:
Einmal erblickten Kuhhirten aus Benares eine Weinpalme, die Früchte trug, und ließen einen von sich der Früchte wegen hinaufsteigen. Während er die Früchte herunterwarf, kam aus einem Ameisenhügel eine schwarze Schlange und kroch die Palme hinauf, und obgleich die Untenstehenden mit Stöcken und dergleichen nach ihr schlugen, konnten sie sie nicht vertreiben. "Eine Schlange kriecht die Palme hinauf," riefen sie dem anderen zu. Der fing in seiner Angst an, laut zu schreien. Die Untenstehenden faßten nun ein festes Tuch an den vier Ecken und riefen ihm zu: "Spring auf dies Tuch!" Er ließ sich fallen und fiel mitten auf das Tuch, gerade zwischen die vier hinein. Als er so mit Windsgewalt herunterkam, konnten die sich nicht halten, sondern schlugen mit den Köpfen aneinander und kamen so mit zerschmetterten Köpfen ums Leben.
»Diese Sache klarmachend, sprach Takkärija den fünften Vers:
«Um einen Mann am Leben zu erhalten,
Ergriffen vier das Laken im Verein.
Da lagen alle vier, das Haupt zerspalten.
Auch dieser Fall scheint mir ganz gleich zu sein.»
«Ein anderer Fall:
Viehdiebe aus Benares hatten eines Nachts eine Ziege gestohlen und wollten sie im Walde verzehren. Damit sie nicht meckern könnte, banden sie ihr das Maul zu und steckten sie in einen Bambusbusch. Als sie am nächsten Tag hingingen, sie zu essen, vergaßen sie, ein Messer mitzunehmen. "Wir wollen die Ziege schlachten, ihr Fleisch kochen und essen, bringt das Messer her", sagten sie; da merkten sie, daß kein einziger ein Messer bei sich hatte. "Ohne Messer können wir Nichts mit ihrem Fleische anfangen, auch wenn wir sie getötet haben", dachten sie und ließen sie laufen. "Laßt sie los", sagten sie, "sie hat ein religiöses Verdienst."
Damals hatte ein Rohrflechter sich Bambus geholt und sein Rohrflechtermesser zwischen die Bambusblätter gesteckt und war in der Absicht, es mitzunehmen, wenn er wiederkäme, davongegangen. Die Ziege, über ihre Freiheit erfreut, trieb ihr Spiel unter dem Bambus, und als sie mit den Hinterfüßen ausschlug, warf sie das Messer herunter. Als die Diebe das Klirren des Messers hörten, sahen sie nach, und als sie es erblickten, waren sie vergnügt und schlachteten die Ziege und verzehrten ihr Fleisch. So starb auch die Ziege durch ihr eigenes Tun.
»Um dies klarzumachen, sprach Takkârija den sechsten Vers:
« Die Ziege fand das Messer, als sie mitten
Im Bambusdickicht ausschlug mit dem Bein.
Damit ward ihr die Kehle abgeschnitten.
Auch dieser Fall scheint mir ganz gleich zu sein.»
Fortsetzung folgt