Zen Geschichten

                     

 

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Liste der bisher veröffentlichten Geschichten:
16. Der Hauspriester, der zur Unzeit redete (3.Teil)
15. Der Hauspriester, der zur Unzeit redete (2.Teil)
14. Der Hauspriester, der zur Unzeit redete (1.Teil)
13. Woher kommt dieser Schmerz?
12. Erweckung in einer einzigen Nacht
11. Selbst zehntausend Weise können es nicht erklären
10. Die Strohhütte
9. Keine Furcht vor demTode
8. Die Frau am Fluß
7. Kleine Geschichten
6. Einfach loslassen
5. Ein wichtiger Gast
4. Die Ziege
3. Aufmerksamkeit
2. Für nichts
1. Der General und der Mönch 

 

 

16. Geschichte (24.10.2005)

Der Hauspriester, der zur Unzeit redete

ein buddhistisches Märchen

(3. und letzter Teil)

Nachdem er aber so gesprochen hatte, erzählte er die Kinna­rageschichte, indem er zeigte, daß Leute, die im Reden zu­rückhaltend sind, dadurch, daß sie ihre Zunge hüten, vom Leid des Todes befreit werden.
«Ein Jäger aus Benares, so erzählt man, der in den Hima­laja gegangen war, fing durch irgendein schlaues Mittel zwei Kinnaras, (*) Männchen und Weibchen, und brachte sie dem Könige. Als der König, der noch nie zuvor Kinnaras gesehen hatte, sie erblickte, fragte er den Jäger, was für Eigenschaften sie hätten. "Herr", antwortete er, "sie singen mit süßer Stimme, und sie tanzen entzückend. Die Menschen können nicht so singen und tanzen." Da gab der König dem Jäger viel Geld und sagte zu den Kinnaras: "Singt und tanzt!" - "Wenn wir beim Singen die Worte nicht vollkommen verständlich herausbringen können, so wird es ein übler Gesang", dachten sie, "man wird uns schmähen und töten. Wenn man aber viel redet, sagt man leicht etwas Falsches." So sprachen sie aus Furcht, etwas Falsches zu sagen, nichts, obgleich sie der Kö­nig immer wieder anredete, und tanzten auch nicht. Da wurde der König zornig und befahl, sie zu töten, ihr Fleisch zu braten und es ihm zu bringen, indem er den siebenten Vers sprach:

"Was Götter, was Gandharwen (**)! Falsch geraten!
Nur Tiere sind's, um Lohn hierhergebracht.
Den einen sollt ihr mir zum Frühstück braten,
Und jenen andern bratet mir zur Nacht!"

Das Kinnaraweibchen dachte: "Der König ist erzürnt, sicher­lich wird er uns umbringen. jetzt ist es Zeit, zu reden." Und sie sprach den folgenden Vers:

"Hältst du auch hunderttausend schlechte Reden,
Das kleinste rechte Wort wiegt mehr als das.
Allein die Scheu vor schlechter Rede Schäden,
Nicht Dummheit schloß den Mund der Kinnaras. "

Zufrieden mit dem Kinnaraweibchen sprach der König den folgenden Vers:

"Laßt diese, die zu mir gesprochen, leben!
Führt sie zurück in den Himalaja!
Doch jenen soll man in die Küche geben,
Und morgen steht er mir zum Frühmahl da!"

Als der Kinnara die Rede des Königs vernahm, dachte er: "Der König da wird mich sicherlich töten, wenn ich nichts sage. jetzt ziemt es sich, zu reden." Und er sprach den andern Vers:

"Tiere leben von der Wolke,
und die Menschheit lebt vom Tier.
Wie von dir mein Leben abhängt,
hängt die Gattin ab von mir.
Mag man auch getrennt vom andern
frei wohl in die Berge wandern?"

Als er aber so gesprochen, fügte er noch hinzu: "Großer Kö­nig, wir haben nicht geschwiegen, weil wir deinem Befehle nicht folgen wollten, sondern wir redeten nicht, weil wir ein­sahen, daß das Reden fehlerhaft sei." Und indem er dies erläu­terte, sprach er die folgenden zwei Verse:

"Schwer ist's, o König, Tadel zu vermeiden.
Verschiedne Leute trifft man in der Welt.
So muß der eine oftmals Tadel leiden
Für das, wofür der andre Lob erhält.

Als dumm gilt jeder, will er anders denken,
Als klug, wenn ihn des andern Denken lenkt.
Doch wessen Denken soll ich Folge schenken,
Da eben alle Welt verschieden denkt?"

"Er redet die Wahrheit", dachte der König, "der Kinnara ist ein Weiser." Und hocherfreut sprach er den Schlußvers:

"Es schwieg der Kinnara, sein Weib zur Seite.
Die Furcht erst gab die Sprache ihm zurück.
Nun zieht er frei, gesund und froh ins Weite.
Fürwahr, die Rede bringt dem Menschen Glück."

Darauf ließ der König die beiden Kinnaras in einen goldenen Käfig setzen, ließ den Jäger kommen und befahl ihm, sie frei­zulassen, indem er sagte: "Geh, laß sie an demselben Orte, wo du sie gefangen hast, wieder frei!"
"Sieh, Lehrer", sagte das große Wesen, "so erlangten die Kinnaras, nachdem sie erst ihre Zunge gehütet hatten, die Freiheit wieder, weil sie zur rechten Zeit ein gutes Wort spra­chen. Du aber bist, weil du übel redetest, in großes Leid gera­ten." Nachdem er ihm so dieses Beispiel vorgehalten hatte, tröstete er ihn: "Lehrer, fürchte dich nicht, ich werde dir das Leben schenken." - "Könnt Ihr mich denn aber auch retten?" fragte der andere. Da ließ der Bodhisatta den Tag verstrei­chen, indem er behauptete, die Konstellation sei noch nicht eingetreten. Unmittelbar nach der mittleren Nachtwache ließ er dann einen toten Bock holen und schickte, ohne daß einer etwas merkte, den Lehrer fort. "Brahmane, geh, wohin du willst, und freue dich deines Lebens!" Dann brachte er das Opfer mit dem Fleisch des Bockes dar und errichtete das Tor.

(*) (Fabelwesen: halb Mensch, halb Tier, als Sänger und Tänzer gerühmt)

(**) (Fabelwesen: die himmlischen Musiker)  

 

15. Geschichte (10.07.2005)

Der Hauspriester, der zur Unzeit redete

ein buddhistisches Märchen  

2.Teil

«Früher, so erzählt man, gab es in Benares eine Hetäre namens Kâlî, die hatte einen Bruder namens Tundila. Kâlî nahm tausend Kahâpanas an einem Tage ein. Tundila aber war hinter den Weibern her, ein Trunkenbold und ein Spieler. Sie pflegte ihm Geld zu geben, er aber brachte alles durch, was er bekam. Sie versuchte ihn zurückzuhalten, es gelang ihr aber nicht.
Eines Tages hatte er im Spiel verloren und die Kleider, die er trug, dahingegeben. Mit einem Hüftentuchfetzen bekleidet kam er zu ihrem Hause. Sie aber hatte den Dienerinnen befohlen: "Wenn Tundila kommt, so gebt ihm nichts, packt ihn am Halse und werft ihn hinaus!" Die taten so. Weinend blieb er vor der Tür stehen.
Es war aber da der Sohn eines Großkaufmanns, der Kâlî ständig tausend Kahâpanas brachte. Der sah an diesem Tage den Tundila und fragte ihn, warum er weine. "Herr, ich habe im Spiel verloren und bin zu meiner Schwester gekommen, ihre Dienerinnen aber haben mich am Halse gepackt und hinausgeworfen." - "So warte denn hier, ich will mit deiner Schwester sprechen", sagte der andere und ging hin und sagte: "Da steht dein Bruder, mit einem Hüftentuchfetzen bekleidet. Warum gibst du ihm keine Kleider?" - "Von mir bekommt er nichts. Wenn du aber Lust hast, so gib du ihm etwas!"
In jenem Hetärenhause aber war folgender Brauch: Von den tausend Kahâpanas, die eingingen, gehörten fünfhundert der Hetäre, fünfhundert dienten zur Anschaffung von Kleidern, Wohlgerüchen und Kränzen. Bei ihrer Ankunft kleideten sich die Besucher in die Gewänder, die sie in jenem Hause empfingen, und verbrachten in ihnen die Nacht. Wenn sie am nächsten Tage wieder gingen, zogen sie sich um und gingen in den Gewändern, die sie mitgebracht hatten, fort. Daher ließ der Großkaufmannssohn, nachdem er das von der Hetäre gegebene Gewand angelegt hatte, dem Tundila seine eigenen Kleider reichen. Der zog sie an und ging lärmend fort und begab sich in eine Branntweinschenke. Kâlî aber befahl den Dienerinnen: "Nehmt, wenn dieser Mann morgen fort will ihm die Kleider weg!" Als er nun fortgehen wollte, stürzten sie von allen Seiten auf ihn zu und rissen ihm wie Räuber die Kleider ab. "Jetzt mach, daß du fortkommst, junger Herr!" riefen sie und warfen ihn nackend hinaus. Nackt ging er fort, und die Leute lachten ihn aus.
Er aber schämte sich und klagte: "Das habe ich selbst angerichtet. Ich konnte den Mund nicht halten."
Um dieses klarzumachen, sprach Takkârija den dritten Vers:

«Was Kâlî mit dem Bruder vorgenommen,
Was ging's mich an? Was fragt' ich Tundila?
Nun bin ich nackt, um Hemd und Rock gekommen.
Auch dieser Fall steht gleich dem deinen da. »



«Ein anderer Fall:

Einst waren in Benares durch die Nachlässigkeit der Ziegenhirten zwei Widder auf dem Weidegrund in Kampf geraten. Da dachte ein Sperling:"Die beiden werden sich jetzt die Köpfe zerschmettern und umkommen. Soll ich sie nicht zurückhalten?" "Onkel, kämpft nicht!" rief er und suchte sie zurückzuhalten, und als sie weiterkämpften, ohne auf seine Rede zu achten, setzte er sich ihnen auf den Rücken und auf den Kopf und flehte sie an. Er konnte sie aber nicht zurückhalten, und so flog er schließlich mit dein Rufe:"So kämpft denn, aber erst tötet mich!" zwischen die Köpfe der beiden. Die stießen gerade aufeinander los. Wie in einem Mörser zerstoßen kam er durch sein eigenes Tun dort ums Leben.
»Diese zweite Sache klarmachend, sprach Takkârija den vierten Vers:

«Der Sperling, dem der Widderkampf zuwider,
Flog mitten in die Kämpfenden hinein.
Er fiel zermalmt von ihren Stirnen nieder.
Auch dieser Fall scheint mir ganz gleich zu sein.»



«Ein anderer Fall:

Einmal erblickten Kuhhirten aus Benares eine Weinpalme, die Früchte trug, und ließen einen von sich der Früchte wegen hinaufsteigen. Während er die Früchte herunterwarf, kam aus einem Ameisenhügel eine schwarze Schlange und kroch die Palme hinauf, und obgleich die Untenstehenden mit Stöcken und dergleichen nach ihr schlugen, konnten sie sie nicht vertreiben. "Eine Schlange kriecht die Palme hinauf," riefen sie dem anderen zu. Der fing in seiner Angst an, laut zu schreien. Die Untenstehenden faßten nun ein festes Tuch an den vier Ecken und riefen ihm zu: "Spring auf dies Tuch!" Er ließ sich fallen und fiel mitten auf das Tuch, gerade zwischen die vier hinein. Als er so mit Windsgewalt herunterkam, konnten die sich nicht halten, sondern schlugen mit den Köpfen aneinander und kamen so mit zerschmetterten Köpfen ums Leben.
»Diese Sache klarmachend, sprach Takkärija den fünften Vers:

«Um einen Mann am Leben zu erhalten,
Ergriffen vier das Laken im Verein.
Da lagen alle vier, das Haupt zerspalten.
Auch dieser Fall scheint mir ganz gleich zu sein.»



«Ein anderer Fall:

Viehdiebe aus Benares hatten eines Nachts eine Ziege gestohlen und wollten sie im Walde verzehren. Damit sie nicht meckern könnte, banden sie ihr das Maul zu und steckten sie in einen Bambusbusch. Als sie am nächsten Tag hingingen, sie zu essen, vergaßen sie, ein Messer mitzunehmen. "Wir wollen die Ziege schlachten, ihr Fleisch kochen und essen, bringt das Messer her", sagten sie; da merkten sie, daß kein einziger ein Messer bei sich hatte. "Ohne Messer können wir Nichts mit ihrem Fleische anfangen, auch wenn wir sie getötet haben", dachten sie und ließen sie laufen. "Laßt sie los", sagten sie, "sie hat ein religiöses Verdienst."
Damals hatte ein Rohrflechter sich Bambus geholt und sein Rohrflechtermesser zwischen die Bambusblätter gesteckt und war in der Absicht, es mitzunehmen, wenn er wiederkäme, davongegangen. Die Ziege, über ihre Freiheit erfreut, trieb ihr Spiel unter dem Bambus, und als sie mit den Hinterfüßen ausschlug, warf sie das Messer herunter. Als die Diebe das Klirren des Messers hörten, sahen sie nach, und als sie es erblickten, waren sie vergnügt und schlachteten die Ziege und verzehrten ihr Fleisch. So starb auch die Ziege durch ihr eigenes Tun.
»Um dies klarzumachen, sprach Takkârija den sechsten Vers:

« Die Ziege fand das Messer, als sie mitten
Im Bambusdickicht ausschlug mit dem Bein.
Damit ward ihr die Kehle abgeschnitten.
Auch dieser Fall scheint mir ganz gleich zu sein.»



Fortsetzung folgt

 

14. Geschichte (22.06.2005)

Der Hauspriester, der zur Unzeit redete 1.Teil

(ein buddhistisches Märchen)

Einstmals, als Brahmadatta zu Benares regierte, hatte er einen Hauspriester, der war rot und hatte vorstehende Zähne. Seine Frau verging sich mit einem anderen Brahmanen; der sah geradeso aus. Der Hauspriester versuchte zwar immer wieder, seine Frau zurückzuhalten, es gelang ihm aber nicht. Da dachte er: < Ich kann diesen meinen Feind nicht mit eigener Hand töten, ich will mir etwas ausdenken, ihn umzubringen.>
Er ging also zum König und sagte: « Großer König, deine Stadt ist die erste Stadt in ganz Indien, du bist der erste König. Aber magst du auch der erste König sein, so ist dein Südtor doch schlecht gefügt und nicht glückbringend. » «Was soll man dabei machen, Lehrer?» «Man muß es glückbringend machen und richtig fügen. » «Wie soll man das anfangen?» «Man muß das alte Tor niederreißen und Holz nehmen, das glückbringend ist; den Schutzgeistern der Stadt muß man ein Opfer darbringen und unter einer glückverheißenden Konstellation das Tor errichten. » «Macht es denn so! »
Damals war der Bodhisattva ein junger Brahmane namens Takkarija, der bei dem Hauspriester in der Lehre war. Als nun der Hauspriester das alte Tor hatte niederreißen und das neue fertigmachen lassen, sagte er zum König: « Herr, das Tor ist fertig. Morgen tritt eine günstige Konstellation ein. Man darf sie nicht vorübergehen lassen, sondern muß das Opfer darbringen und das Tor errichten. » « Lehrer, was braucht man, um das Opfer darzubringen?» « Herr, ein hervorragendes Tor steht unter dem Schutze hervorragender Gottheiten. Man muß einen Brahmanen, der rot ist, vorstehende Zähne hat und auf beiden Seiten von reiner Abkunft ist, töten, mit seinem Fleisch und Blut das Opfer darbringen und das Tor über seinem Leichnam errichten. So wird es Euch und der Stadt zum Heile gereichen.» «Gut, Lehrer, töte einen solchen Brahmanen und errichte das Tor! » Erfreuten Sinnes dachte der Hauspriester:
Fest entschlossen begab er sich nach Hause; da er aber den Mund nicht halten konnte, so hatte er nichts Eiligeres zu tun, als seiner Frau zuzurufen: «Mit wem wirst du dich wohl von jetzt ab vergnügen, du böse Hexe? Morgen werde ich deinen Buhlen als Opfer schlachten.» «Warum willst du ihn töten? Er hat doch nichts getan. » «Der König hat mir befohlen, das Stadttor zu errichten und dabei mit dem Fleisch und Blut eines roten Brahmanen mit vorstehenden Zähnen ein Opfer darzubringen. Dein Buhle ist rot und hat vorstehende Zähne. Ich werde ihn als Opfer schlachten.»
Da ließ die Frau ihrem Buhlen sagen: «Der König wünscht, wie ich höre, einen roten Brahmanen mit vorstehenden Zähnen als Opfer zu schlachten. Wenn dir dein Leben lieb ist, mache dich morgen beizeiten davon, und nimm auch die übrigen Brahmanen, die dir ähnlich sind, mit!» Der tat so. Das verbreitete sich in der Stadt, und aus der ganzen Stadt flohen alle Leute, die rot waren und vorstehende Zähne hatten.
Der Hauspriester aber, der nicht wußte, daß sein Feind geflohen sei, ging am frühen Morgen züm König und sagte: «Herr, an dem und dem Orte ist ein roter Brahmane mit vorstehenden Zähnen. Laßt ihn festnehmen!» Der König schickte Leute hin; die fanden ihn aber nicht und kamen zurück und berichteten, er sei wohl entflohen. « Dann haltet anderswo Umschau!»
Obgleich sie aber in der ganzen Stadt Umschau hielten, fanden sie keinen. Und als ihnen dann befohlen wurde, gründlich nachzusuchen, sagten sie: «Herr, außer dem Hauspriester gibt es keinen, der so aussähe.» « Man kann doch den Hauspriester nicht töten! » « Herr, was sagt Ihr da? Wenn heute wegen des Hauspriesters das Tor nicht errichtet wird, wird die Stadt ohne Schutz sein. Als der Lehrer über die Sache sprach, sagte er, wenn man heute die Konstellation vorübergehen ließe, würde man sie erst nach Ablauf eines Jahres wieder bekommen. Ein Jahr lang würde also die Stadt ohne Tor sein, und die Feinde würden eine günstige Gelegenheit zum Angriff haben. Wir wollen ihn töten, mag er sein, was er will, und durch einen anderen gelehrten Brahmanen das Opfer darbringen lassen und das Tor errichten.> «Gibt es denn aber noch einen anderen Brahmanen, der ebenso gelehrt wäre wie der Lehrer » « Allerdings, Herr; da ist sein eigener Schüler, der junge Takkarija. Gebt ihm die Stelle des Hauspriesters, und laßt das glückbringende Opfer am Tore verrichten! »
Der König ließ den Takkarija, kommen, erwies ihm Ehren und gab ihm die Stelle des Hauspriesters und befahl ihm, die Sache auszuführen.
Mit großem Gefolge begab sich Takkarija zum Stadttore. Da führten sie den Hauspriester auf Befehl des Königs gebunden herbei. Das große Wesen ließ nun eine Grube graben an der Stelle, wo das Tor errichtet werden sollte, ließ ringsherum einen Vorhang aufspannen und trat darin zusammen mit dem Lehrer in das Innere des Vorhanges. Der Lehrer betrachtete die Grube, und da er keine Rettung für sich sah, wandte er sich an das große Wesen. « Ich hatte meinen Zweck schon erreicht; in meiner Torheit konnte ich aber den Mund nicht halten und teilte die Sache voreilig dem bösen Weibe mit. So habe ich mir selbst den Tod gebracht.» Und er sprach den ersten Vers:


«Da schwatzt' ich Tor mich selber nun zugrunde,
Gleichwie der Frosch die Schlange ruft im Wald.
Takkarija, das Wort zur falschen Stunde
Bringt Unheil. Drum stürz' ich in diesen Spalt.»


Der andere sprach, zu ihm gewandt, den Vers:

«Herr Lehrer, übereilte Reden treiben
Den Mann In Not und Tod und Seelenpein.
Du hast es nur dir selber zuzuschreiben,
Gräbt man dich jetzt in diesen Erdspalt ein. »


Und als er so zu ihm gesprochen hatte, fuhr er fort: « Nicht nur du, Lehrer, bist ins Unglück geraten, weil du den Mund nicht gehalten hast. Auch anderen ist es so gegangen.» Und er machte ihm die Sache klar, indem er ihm eine Geschichte aus der Vergangenheit erzählte:

Fortsetzung folgt
 

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13. Geschichte (28.03.2005)

WOHER KOMMT DIESER SCHMERZ?

GENSHA SHIBI (835 - 908) 

Gensha (Hsüansha Shihpei), der später Schüler von Seppo Gison (Hsüehfeng Its'un) wurde, war ein Fischerssohn. Eines Tages, als er mit seinem Vater fischte, fiel dieser ins Wasser. Gensha kam ihm nicht zu Hilfe.
So hatte er sein FischerKarma zerschlagen. Er gab sein Boot auf, zog sich in die Berge zurück und wurde Schüler des großen Meisters Seppo.
Tag und Nacht praktizierte er den Weg.

Als er es aber leid war, die Lehre Seppos immer noch nicht zu verstehen, beschloß Gensha, einen anderen Meister aufzusuchen.
Er hatte den Berg gerade hinter sich gelassen, da stieß er sich seinen Zeh an einem Stein. Dies rief heftige Schmerzen hervor, dabei hatte er eine plötzliche Erleuchtung:
»Dieser Körper existiert nicht, woher kommt dann dieser Schmerz?« brüllte er und kehrte sogleich zu seinem Meister zurück. Seppo machte sich über ihn lustig:
»Bist du auf Pilgerreise gegangen, nur um dir den Fuß zu verletzen?«
Gensha antwortete: »Nie wieder lasse ich mich von den anderen verführen.«
Seppo war mit dieser Antwort ganz und gar zufrieden und erklärte: »Was du mir gerade gesagt hast, müßte vor allen gesagt werden, denn sie haben nicht deine Aufrichtigkeit.« Um ihn auf Herz und Nieren zu prüfen, fragte Seppo noch: »Warum setzt du deine Besuche bei andern Meistern nicht fort?«
»Bodhidharma ist nicht nach China gekommen, und der zweite Patriarch ist nicht nach Indien gegangen.«
Seppo schätzte diese Antwort.



Mit schiefgetretenen Schuhen,
wenn man Berge und Flüsse durchschritten hat
und endlich angekommen ist,
kann man verstehen,
daß unsere Augen uns irregeführt haben.

Taisen Deshimaru  

12.Geschichte (27.02.2005)

ERWECKUNG IN EINER EINZIGEN NACHT

Yoka (Yungchia Hsüanchüeh)(665-713) wurde Mönch, als er noch sehr jung war. Er verließ seine Familie in der Absicht, den Buddhismus zu studieren sowie die Gedanken des Laotse und des Konfuzius. Er studierte besonders die Lehren der TendaiSchule, wobei er sich auf die Übung von Zazen konzentrierte und auf die vier Verhaltensweisen: 'Gehen, Stehen, Sitzen, Liegen'.
Nachdem er vom sechsten Patriarchen Eno gehört hatte, begab er sich auf den Berg Sokei, um die wahre Essenz des Zen zu verstehen. Vor dem Patriarchen angekommen, ging er dreimal um ihn herum und blieb stehen, ohne zu grüßen.
Eno sagte zu ihm: »Ein Mönch muß genau die achttausend Handlungen und die dreitausend Verhaltensweisen verkörpern. Woher kommt Ihr? Warum habt Ihr einen solchen Stolz?«
»Ich habe keine Zeit zu verlieren. Das Leben und der Tod sind eine ernste Sache, und der Tod folgt auf das Leben mit einer entsetzlichen Geschwindigkeit«, antwortete Yoka unwillig.
»Warum«, erwiderte Eno, »verwirklicht Ihr nicht das Prinzip der NichtGeburt, um das Problem der Unbeständigkeit des Lebens zu lösen?«
»Wenn man die NichtGeburt verstanden hat und das Hier und jetzt erfaßt hat«, sagte Yoka abrupt, »ist nichts mehr da.«
»Das ist es, das ist es!« rief Eno aus.

Eno bestätigte Yoka, der noch eine Nacht bei ihm blieb. Deshalb gab man ihm den Beinamen »Der in einer einzigen Nacht erweckte Mönch«. Er hatte zahlreiche Schüler, aber seine Linie setzte sich nicht fort.
Er schrieb das Shodoka, einen der wesentlichen Texte des SotoZen.



“Gehen ist auch Zen, sitzen ist auch Zen.
Ob man spricht oder still ist, ob man sich bewegt oder nicht, der Körper bleibt immer in Frieden...
Selbst wenn man einem Schwert gegenübersteht, bleibt der Geist ruhig.
Selbst wenn man von Gift bedroht ist, bleibt der Geist unbeirrt...” (Yoka Gengaku)

 

 

11. Geschichte (26.01.2005)

YAKUSAN IGEN (745 - 828)

 SELBST ZEHNTAUSEND WEISE KÖNNEN ES NICHT ERKLÄREN

Yakusan (Yüehshan Weiyen) übte bei Sekito und wurde sein Nachfolger. Einmal fragte er seinen Meister: "Ich kenne die Lehre der drei Fahrzeuge und der zwölf Zweige. Allerdings habe ich gehört, daß es eine Methode gibt, um den Geist, der aus dem Menschen einen Buddha macht, direkt zu erreichen und ihn sein wahres Wesen verwirklichen zu lassen. Ich kann das nicht verstehen. Bitte belehrt mich."
Sekito antwortete: "Zu sagen, daß es dies ist, heißt, das Ziel verpassen; zu sagen, daß es dies nicht ist, heißt auch, das Ziel verpassen. Was hältst du davon?"
Yakusan wußte nichts zu sagen. Daraufhin schickte ihn Sekito zu Baso.
Bei diesem angekommen, verbeugte sich Yakusan und wiederholte seine Frage.
Baso sagte einfach:"Manchmal lasse ich es die Brauen heben und mit den Augen zwinkern. Manchmal lasse ich es nicht die Brauen heben und mit den Augen zwinkern. Manchmal ist das, was die Brauen hebt und mit den Augen zwinkert, dieses, manchmal ist das, was die Brauen hebt und mit den Augen zwinkert, nicht dieses. Wie denkst du darüber?"
Bei diesen Worten erwachte Yakusan schlagartig.
Er verbeugte sich vor dem Meister und sagte: "Lange Zeit war ich wie eine Mücke, die einen eisernen Ochsen stechen will."

Einmal, als er Zazen machte, fragte ihn Sekito:
"Was machst du?" "Ich mache nichts."
"Weswegen sitzt du also?" "Wegen nichts."
"Aber was ist etwas machen, was ist nichts machen?"
"Selbst zehntausend Weise können es nicht erklären."

 

 

 

10.Geschichte (21.10.2004)

DIE STROHHÜTTE

Sekito Kisen (Shiht'ou Hsich'ien)(700-790) wird hauptsächlich durch seine Intelligenz und sein heiteres Äußeres charakterisiert. Als Schüler von Seigen Gyoshi (Ch'ingyüan Hsingssu) ist er direkt mit Eno verbunden, dem sechsten Patriarchen, den er getroffen hatte, als er noch sehr jung war. Sekito erhielt die Ordination im Tempel von Rafuzan im Alter von achtundzwanzig Jahren. Wenig später ging er fort, um Seigen aufzusuchen. Bei ihrem Zusammentreffen fragte ihn Seigen: »Woher kommst du?« »Vom Berg Sokei«, antwortete Sekito. »Was hast du von Sokei mitgebracht?« »Ich habe etwas mitgebracht, das vor Meister Eno existierte und vor meiner Geburt. Ich habe es durch die ZazenPraxis mit Eno verstanden.« Seigen, der die Tiefe von Sekito erkannte, sagte: »Ich habe viel Hornvieh, aber ein Einhorn genügt.»
Sekito wurde einer der herausragendsten Meister in der Linie der Nachfolge des Soto-Zen. Er starb mit neunzig Jahren. Sein Körper, in Zazen-Haltung, ist bis heute konserviert. Man kann ihn jetzt im SojijiTempel in Yokohama besichtigen. Sekito ist der Urheber des Sandokai, aber er schrieb auch ein sehr berühmtes Gedicht, den »Gesang von der Hütte mit dem Strohdach«, das Zazen ausdrucksstark vor Augen führt. Nach Sekito pflanzte sich die Linie des Soto-Zen mit Yakusan fort, dann kamen Ungan und Tozan. Sekito hatte noch einen weiteren Schüler, Tenno Dogo (798-807), der die Ummon-Schule mitbegründete, außer ihm Ryutan,Tokusan und Seppo Gison, der Meister von Gensha Shibi. Sekito stand also am Ursprung von drei der fünf chinesischen Zen-Schulen.

 

  »Gesang von der Hütte mit dem Strohdach«

Eine Einsiedlerhütte aus Stroh habe ich gebaut,
wo es nichts gibt von Wert.
Nach dem Essen strecke ich mich aus und schlafe eine Weile.
Als die Hütte fertig war, kam das wilde Gras.
Jetzt hat es sich ausgebreitet und bedeckt alles.
Der Mann in der Hütte lebt hier friedlich,
ohne Fesseln, innere oder äußere.
Wo die gewöhnlichen Menschen leben, möchte er nicht leben.
Was die gewöhnlichen Menschen lieben, liebt er nicht.
Obwohl die Hütte klein ist, ist das ganze Universum darin enthalten.
Auf zehn Quadratfuß erhellt ein alter Mann
die Formen und ihre Essenz.
Ein Bodhisattva des großen Fahrzeugs hat absoluten Glauben.
Gewöhnliche Menschen können nicht anders als zweifeln:
Wird die Hütte zusammenstürzen, ja oder nein?
Vergänglich oder nicht, der ursprüngliche Meister ist gegenwärtig
und wohnt weder im Norden noch im Süden,
noch im Osten, noch im Westen.
Verwurzelt in der Beharrlichkeit, kann dies nicht übertroffen werden.
Ein helles Fenster unter den grünen Fichten
kann man nicht vergleichen,
nicht mit Jadepalästen, nicht mit Türmen aus Silber.
Sitzen bleiben, den Kopf bedeckt, alle Dinge sind in Ruhe.
So versteht dieser »Bergmönch« gar nichts mehr.
Er lebt da, wo er ist, und strengt sich nicht mehr an, sich zu befreien.
Wer könnte denn selbstherrlich Sitze anbieten,
um Schüler zu verführen?
Richtet euer Licht nach innen und kehrt um.
Der unendlichen und unfaßlichen Quelle kann man weder
gegenübertreten, noch kann man sie vermeiden.
Trefft die alten Meister, und seid vertraut mit ihrer Lehre.
Bindet Schilfgras, baut eine Hütte, und gebt nie auf.
Laßt Jahrhunderte vorbeiziehen, und entspannt euch völlig.
Öffnet eure Hände, und geht in natürlicher Unschuld.
Die Tausende von Weiten und die Unendlichkeit der Begriffe
sind nur da, um euch von euren Fesseln zu befreien.
Wenn ihr den Unsterblichen in seiner Hütte treffen wollt,
dann flieht, hier und jetzt, nicht aus diesem Hautsack!>
 

 

9.Geschichte (16.9.2004)

  Keine Furcht vor dem Tode

Ein junger Mönch ging in die Stadt mit dem Auftrag, einen wichtigen Brief eigenhändig dem Empfänger zu übergeben. Er kam an die Stadtgrenze und mußte eine Brücke überqueren, um hineinzugelangen. Auf dieser hielt sich ein im Schwertkampf erfahrener samurai auf, der, um seine Stärke und Unüberwindbarkeit zu beweisen, geschworen hatte, die ersten hundert Männer, die die Brücke überquerten, zum Zweikampf herauszufordern. Er hatte schon neunundneunzig getötet.
Der kleine Mönch flehte ihn an, er möge ihn durchlassen, weil der Brief, den er bei sich trug, von großer Wichtigkeit war: "Ich verspreche Euch wiederzukommen, um mit Euch zu kämpfen, wenn ich meinen Auftrag erfüllt habe." Der samurai willigte ein, und der junge Mönch ging seinen Brief überbringen.
In der Gewißheit, verloren zu sein, suchte er, bevor er zurückkehrte, seinen Meister auf, um sich von ihm zu verabschieden. "Ich muß mit einem großen samurai kämpfen", sagte er, "er ist ein Schwertmeister, und ich habe in meinem Leben noch keine Waffe angerührt. Er wird mich töten. . ."
"In der Tat wirst du sterben", antwortete ihm der Meister, "denn es gibt für dich keine Siegeschance. Also brauchst du auch keine Angst vor dem Tode zu haben. Doch ich werde dich die beste Art zu sterben lehren: Du hebst dein Schwert über den Kopf, die Augen geschlossen, und wartest. Wenn du auf dem Scheitel etwas Kaltes spürst, so ist das der Tod. Erst in diesem Moment läßt du die Arme fallen. Das ist alles..."
Der kleine Mönch verneigte sich vor seinem Meister und begab sich zu der Brücke, wo ihn der samurai erwartete. Dieser dankte ihm dafür, daß er Wort gehalten hatte und bat ihn, sich zum Kampf bereitzumachen.
Das Duell begann. Der Mönch tat, was ihm der Meister empfohlen hatte. Er nahm sein Schwert in beide Hände, hob es über den Kopf und wartete, ohne sich zu bewegen. Diese Stellung überraschte den samurai, da die Haltung seines Gegners weder Angst noch Furcht wiederspiegelte. Mißtrauisch geworden, näherte er sich vorsichtig. Der kleine Mönch war völlig ruhig, allein auf seinen Scheitel konzentriert. Der samurai sprach zu sich: "Dieser Mann ist sicher sehr stark, er hatte den Mut zurückzukehren, um mit mir zu kämpfen, das ist bestimmt kein Amateur."
Der Mönch, noch immer vertieft, kümmerte sich überhaupt nicht um das Hin und Herlaufen seines Gegners. Und der bekam langsam Angst: Das ist ohne Zweifel ein ganz großer Krieger", dachte er, "denn nur die großen Meister der Schwertkunst nehmen von Anfang an eine Angriffsstellung ein. Und dieser schließt sogar noch seine Augen!"
Der junge Mönch wartete noch immer auf den Moment, in dem er die besagte Kälte auf dem Scheitel spüren würde. Währenddessen war der samurai völlig ratlos, er wagte nicht mehr anzugreifen, in der Gewißheit, bei der geringsten Bewegung seinerseits zweigeteilt zu werden. Der Mönch wiederum hatte den samurai völlig vergessen, aufmerksam darauf bedacht, die Ratschläge seines Meisters gut auszuführen und würdig zu sterben.
Doch er wurde wieder in die Wirklichkeit zurückgeholt durch das Weinen und Klagen des samurai:"Tötet mich bitte nicht, habt Mitleid mit mir, ich dachte, der König der Schwertkunst zu sein, aber ich habe noch nie einen Meister wie Euch getroffen! Bitte bitte, nehmt mich doch als Euren Schüler an, lehrt mich den Wahren WEG der Schwertkunst ... "

 

     8. Geschichte (22.07.2004)

Die  Frau am Fluß

(Folgende Geschichte bringt zum Ausdruck , wie man im eigenen Geist an Vorstellungen haftet)

Zwei Mönche waren unterwegs von einem Kloster zu einem anderen. Nach einiger Zeit kamen sie zu einem Fluß. Dort begegneten sie einer jungen Frau, die wie sie an das andere Ufer gelangen mußte. Die junge Frau zögerte jedoch, das Wasser zu betreten, denn sie trug ein sehr schönes Kleid und wollte nicht, daß es naß wurde.
Da sagte der eine Mönch zu ihr: "Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen helfen, über den Fluß zu kommen." Sie war angenehm überrascht und nahm das Angebot an. Da nahm der Mönch die junge Frau in die Arme, trug sie über den Fluß und stellte sie am anderen Ufer wieder ab. Sie bedankte sich, und die beiden Mönche setzten ihren Weg fort.
Nach einem langen Marsch in Schweigen, als sie fast im Kloster angekommen waren, sagte der eine Mönch zum anderen: "Du hast die Frau über den Fluß getragen, aber du weißt doch, daß wir als Mönche das Gelübde abgelegt haben, nie eine Frau zu berühren."
Da antwortete der andere Mönch:"Ich habe die Frau nur über den Fluß getragen, aber du hast sie bis hierher getragen."
Die meisten Menschen sind wie dieser Mönch. Sie tragen Dinge mit sich herum über Vergangenes und Zukünftiges und ihr Kopf wird schwer. In Zazen sitzend ist man hingegen hier und jetzt konzentriert. Erweckung ist, alles loszulassen. Wenn man losläßt, wird man vollkommen frei. Manchmal müssen wir selbst das loslassen, von dem wir denken, daß es richtig ist und einfach in der Realität von Hier und Jetzt leben. Denn wenn man nicht im gegenwärtigen Augenblick lebt und zu viele Vorstellungen hat, kann man nicht mit der jeweiligen Situation übereinstimmen und in Harmonie mit dem Leben sein.

 

7. Kleine Geschichten (25.06.2004)

„Meister, was ist Zen?“
„Hast du schon ‚was gegessen?“
„Ja.“
„Dann wasche deine Schale.“
(Joshu)

„Meister, was ist der Weg?“
„Der Weg? Na, das da, hinter der Hecke.“
„Ach, nein, ich meine doch den großen Weg.“
„Der große Weg führt in die Hauptstadt.“
(Joshu)

„Wenn man entschlossen den Weg praktiziert, können die karmischen Hindernisse aus der Vergangenheit dann verschwinden?“
„Sie können nicht verschwinden bei Leuten, die nicht in die Essenz schauen, aber bei denen, die in die Essenz sehen, verschwinden sie wie Tau oder Schnee an der Sonne.
Man mag zum Beispiel Gräser aufschichten, bis zur Höhe des höchsten Berges, aber sie verschwinden mit einem Schlag durch das Feuer. Für Leute, die in die Essenz sehen, sind die karmischen Hindernisse wie Gras und die Weisheit wie das Feuer.
(Hyakujo)

Ein Anhänger von Mokusen Hiki klagte bei diesem über den Geiz seiner Frau.
Mokusen besuchte sie daraufhin und hielt ihr die geballte Faust vor das Gesicht. „Was soll das wohl heißen?“, fragte die überraschte Frau.
„Wenn meine Hand immer so wäre, was würdest Du sagen, was das ist?“ „Verunstaltet.“ Dann öffnete er die Hand, wobei er die Frau ansah, „und wenn sie immer so wäre?“ „Eine andere Art von Verunstaltung.“
Wenn du so viel verstehst, dann bist du eine gute Frau, sprach Mokusen und ging.
Seitdem war die Frau manchmal sparsam, manchmal großzügig.
(Mokusen Hiki)

 

6.Geschichte (09.05.2004)

Einfach loslassen

Michel erzählt:

Zehn Jahre lang war ich Assistent von Meister Deshimaru. Als solcher war ich für viele Angelegenheiten verantwortlich. Zu jener Zeit, als wir in Frankreich den ersten großen Zen-Tempel Europas bauten, und dies ausschließlich durch die Arbeit von Zen-Schülern, hatte ich die Verantwortung für die Finanzen. Unser System war so angelegt, daß ich für jede Zahlung die Unterschrift des Meisters benötigte.
Eines Tages, als ich wieder einmal mit einem Stapel Schecks bei ihm war, unterschrieb er die meisten. Aber bei einem Bargeldbetrag von damals etwa 1000 französischen Francs, die der Elektriker für den Kauf eines Starkstromkabels brauchte, hielt er inne und fragte mich:”Um was für ein Kabel handelt es sich da?” Ich antwortete:”Ein Kabel für die Maschine, mit der wir das Holz sägen werden.”
Er fragte weiter:”Eine Maschine? Was denn für eine Maschine?” “Eine große Sägemaschine um das Holz zu schneiden, damit wir das Dojo, die Meditationshalle bauen können!”
Da sagte er:”In unserem Tempel gibt es keine solche Maschine.” “Wie bitte?” fragte ich etwas überrascht. “Es gibt keine Maschine!” antwortete der Meister erneut. “Oh, da muß ein Irrtum vorliegen”, erwiderte ich, “ es gibt dort eine Maschine und ohne die 1000 Francs, um das Stromkabel zu kaufen, kann sie nicht funktionieren.”
Der Meister ließ aber nicht locker:”Da gibt es keine Maschine!” “Ich versichere Ihnen, im Tempel gibt es wirklich eine Maschine, mit der man Holz sägen kann.” “Nein, es gibt keine solche Maschine!” erwiderte er, die Stimme erhebend.
Ich fing an, mich zu fragen, was er damit genau wollte. Ich richtete mich auf, atmete einmal tief durch und ganz auf Vorsicht eingestellt beharrte ich weiter:”Es tut mir leid, aber ich muß trotzdem sagen, daß es da eine Maschine gibt. Ich schwöre Ihnen, daß sie existiert.” “Du lügst, es gibt keine Maschine!” “Nein, ich lüge nicht, sie existiert wirklich.”
Plötzlich schlug er mit der Faust auf den Tisch und sagte mit drohender Stimme:”Willst du damit sagen, daß ICH lüge?” Sein Blick durchbohrte mich dabei wie ein spitzes Messer. “Nein, nein das will ich nicht sagen!” “ES GIBT KEINE MASCHINE DIE HOLZ SCHNEIDET IN UNSEREM TEMPEL!”
Ich konnte nichts mehr erwidern, er war einfach zu stark. Am Ende war es mir ja auch egal, ob es dort eine Maschine gab oder nicht. Ich konnte ja einfach loslassen, wie im Zazen. Letzten Endes war diese Maschine ja nur ein Gedanke in meinem Kopf. Da, hier und jetzt, waren nur er und ich, in diesem Raum, und nichts von einer Maschine.
Also antwortete ich:”Okay Meister, es gibt keine Maschine.” “Gut, sehr gut”, erwiderte er mit einem Lächeln.
In diesem Moment wurde mein Geist vollkommen klar.
Natürlich war dort eine Maschine, aber die Unterweisung des Meisters war, daß man fähig sein muß, selbst daß loszulassen, was wahr ist. Denn Anhaften kann uns in große Schwierigkeiten bringen.

Loslassen können ist die wahre Freiheit des Geistes

 

5. Geschichte  (22.04.2004)

Ein wichtiger Gast

Meister Ikkyu wurde vom Kaiser zu einem Bankett eingeladen. Ärmlich bekleidet wie immer, begab er sich zum Schloß. Als er durch das Haupttor gehen wollte, wurde er von den Wächtern aufgehalten: “Wer bist bist du und was willst du?” “Ich bin Ikkyu , der Zen-Mönch, und ich bin vom Kaiser zum Essen eingeladen.”
Die Wächter lachten ihn aus: “Was? Du sollst der berühmte Meister Ikkyu sein? Du lügst, du bist nichts weiter als ein armseliger Bettler, geh weg, verschwinde von hier.”
Ikkyu ging wieder nach Hause. In einer Truhe hatte er noch einen wunderschönen Kolomo von früher aufbewahrt. Er hatte ihn noch nie getragen. Er nahm das Gewand heraus, zog es an und ging wieder zum Schloß zurück.
Die Wächter am Eingang sahen ihn schon von weitem daher schreiten: “Ah, da kommt ein wichtiger Gast, das ist sicher Meister Ikkyu, der vom Kaiser zum Essen eingeladen wurde.”
Ohne sie eines Blickes zu würdigen schritt Ikkyu an ihnen vorbei. Sie verneigten sich tief. Er begab sich zum Saal, in dem das Bankett bereits begonnen hatte. Dort wurde er vom Kaiser mit Freude empfangen. Aber anstatt sich hinzusetzen, zog er seine Kleider aus, bis er ganz nackt war, legte sie auf seinen Sitz und ging wieder zur Tür.
Alle Anwesenden waren schockiert. Der Kaiser rief ihm fassungslos nach: ”Ikkyu, was machst du denn da?”
Dieser drehte sich um und antwortete: “Ich bin nur gekommen, um Ihnen meine Kleider zu bringen, denn Sie haben ja nicht mich eingeladen, sondern meine Kleider.”

 

 

4. Geschichte (06.04.2004)

Die Ziege

Zen-Meister handeln aus einer vollkommenen inneren Freiheit heraus, was ihnen erlaubt, der jeweiligen Situation entsprechend so zu reagieren, daß es immer zu einer Lehre für die Schüler wird. Daher weiß man nie im Voraus, wie sie handeln werden.
Zum Beispiel mochte Meister Deshimaru gerne Ziegen und hatte drei für den Tempel ‘La Gendronnière’ erworben. Sie lebten dort in einer Ecke des Gemüsegartens. Manchmal holte er eine - die größte war seine Lieblingsziege- , legte ihr eine Leine um und spazierte mit ihr im ganzen Tempelgelände herum.
Vor dem Hauptgebäude angelangt, befestigte er sie jeweils an einem Pflock auf dem gegenüberliegenden Rasen, setzte sich auf die Treppe vor seinem Zimmer und beobachtete mit tiefer Zufriedenheit, wie sie Gras fraß. Dies schien sein höchstes Glück zu sein.
Eines Tages hatte der Verantwortliche vergessen, das Wasserloch des Gemüsegartens abzudecken. Als die Ziege trinken wollte, stürzte sie hinein und ertrank.
Da man wußte, welche Liebe Meister Deshimaru für dieses Tier empfand, wagte niemand, ihm diese Nachricht zu überbringen, und der Verantwortliche selbst war spurlos verschwunden. Da er am Abend immer noch unauffindbar war, fühlte ich mich gezwungen, den Meister zu informieren, denn jegliches Hinauszögern hätte das Problem nur noch verschlimmert.
Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch begab ich mich also zu Meister Deshimaru.
“Meister, Ihre Ziege ist tot....” brachte ich unsicher hervor.
“Was!?” rief er mit donnernder Stimme.
“Ja, als sie trinken wollte, ist sie in das Wasserloch gefallen.”
Es wurde still, sehr still. Die Spannung im Raum war absolut. Was würde jetzt geschehen?
Nach einer Weile sagte der Meister einfach: “Ich hätte wirklich nicht gedacht, daß Ziegen so dumm sind. Geh und kauf morgen eine Neue!”

 

 

3. Geschichte (11.3.2004)

Aufmerksamkeit

Ikkyu war ein bekannter Zen-Mönch, Dichter und auch Shakuhachi-Spieler. Als er einmal auf dem Markt flanierte, wurde er von einem jungen Mönch erkannt, der von ihm einen Gedichtband besaß.
Dieser näherte sich ihm und fragte: ”Meister Ikkyu, können Sie mir bitte in dieses Buch schreiben, was das Wichtigste, was die Essenz des Zen ist?”
Ikkyu sagte: ”Ja, das kann ich,” und schrieb in das Buch “Aufmerksamkeit”.
Da bemerkte der Mönch enttäuscht: ”Ist das alles? Gibt es da nicht etwas Tieferes?”
Ikkyu erwiderte: “Doch, es gibt etwas Tieferes” und schrieb “Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit”.
Der Mönch war aber immer noch nicht zufrieden: “Aufmerksamkeit, das kennt doch jeder! Können Sie nicht etwas Tiefgründigeres schreiben?”
Ikkyu antwortete: “Oh ja, das kann ich” und schrieb: “Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit”.
Da verstand der Mönch plötzlich und verbeugte sich tief.

 

 

 

2. Geschichte  (2.03.2004)

Für nichts

«Als Taisen Deshimaru seinen Meister Kodo Sawaki, der regelmässig Zazen praktizierte, zum erstenmal traf, fragte er ihn: „Wofür praktizieren Sie Zazen?"
Kodo Sawaki antwortete: „Für nichts".
Alle Anwesenden dachten sich: „Für nichts. Das ist nicht interessant", und liefen davon.
Nur Meister Deshimaru war völlig beeindruckt und sagte sich: „Für nichts - das ist bemerkenswert! Den ganzen Tag praktiziert er für nichts - das interessiert mich."
Es hat einmal einer gesagt: „Ich denke, also bin ich" und die ganze Zivilisation ist dem gefolgt. Kodo Sawaki sagte jedoch: „Ich denke nicht, also bin ich." „Ich habe nichts, also bin ich."
Mushotoku bedeutet, kein Objekt zu haben, kein Ziel zu verfolgen. Dieses „Nichts-Haben" und „Nichts-Wollen", wird zuletzt zum wahren Erfolg, zum Höchsten im Leben.»

 

1. Geschichte

Der General und der Mönch

Ein General, der mit seinen Soldaten zu Pferd unterwegs war, traf auf einen Zen-Mönch, der in Zazen sass.
Der General rief ihm zu:
"He, du da! Mönch! Geh mir aus dem Weg."
Der Mönch sass regungslos da und schwieg.
"Bist du denn taub? Hast du nicht gehört? Ich habe dir gesagt, du sollst mir aus dem Weg gehen."
Aber der Mönch blieb weiterhin unbeweglich und still.
Von seinem Pferd herunter rief der General ihm drohend zu:
"Ich glaube, du weisst nicht, wen du vor dir hast? Vor dir ist ein Mensch, der dich jederzeit töten kann, ohne mit der Wimper zu zucken."
Da schaute der Mönch auf und antwortete:
"Ich glaube, du weisst nicht wen du vor dir hast? Vor dir sitzt ein Mensch, der jederzeit sterben kann, ohne mit der Wimper zu zucken."

 
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